Spende fürs Leben

Alles zum Thema Transplantation

Sie kann Leben retten, ist für viele Patienten der letzte Ausweg: die Transplantation. Egal ob Herz, Lunge, Leber oder Niere, die MHH ist bundesweit eine der führenden Kliniken, wenn es um die lebensspendende Verpflanzung von Organen geht. Nur eins hat die Transplantationsmedizin zu wenig: Menschen, die bereit sind, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden.

18.12.2015
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Von Leben und Tod

Ab wann können meine Organe entnommen werden?

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Ein Gespräch mit dem Medizinethiker Dr. Gerald Neitzke, Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees (KEK) der MHHEin Gespräch mit dem Medizinethiker Dr. Gerald Neitzke, Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees (KEK) der MHH.

­Das Interview auf den folgenden Seiten. 

Ist es im Sinne des KEK, dass Hirntoten Organe entnommen werden dürfen?

Selbstverständlich unterstützt das Klinische Ethik-Komitee den Organspende-Prozess. Wir möchten, dass sich möglichst viele Menschen für eine Organspende aussprechen, damit es zu möglichst vielen Transplantationen kommen kann. Aus unserer Sicht ist das nur durch gute Kommunikation und Aufklärung möglich – zum Beispiel über den Zustand des Hirntodes: Viele Menschen setzen dies mit dem Tod gleich, andere sehen es als die letzte Sterbephase an, die unumkehrbar zum Tode führt. Ärzte sollten niemandem vorschreiben, wie er „Leben“ und „Tod“ zu definieren hat.

Was passiert, wenn ein Organspendeausweis vorliegt, die Angehörigen eines Hirntoten die Organspende aber skeptisch sehen?

In diesem Fall lässt das Transplantationsgesetz eine Organspende zu. Aber eine Organentnahme gegen den ausdrücklichen Willen der Angehörigen ist sehr problematisch. Die Gespräche mit den Angehörigen stellen eine große Herausforderung dar. Das Ziel liegt darin, die Angehörigen zu überzeugen, dass dieser wichtige letzte Wunsch des Verstorbenen respektiert werden sollte. Dies ist der letzte Dienst, den sie ihrem Angehörigen erweisen können. Von der Organspende profitiert nicht nur der Empfänger, sondern auch der Spender – denn seinem Wunsch, Organe zu spenden, wird entsprochen.

Wenn kein Organspendeausweis vorliegt – wann werden die Angehörigen auf eine mögliche Organspende angesprochen?

Der einzige Grund, bei schwer Hirnverletzten, bei denen der Verdacht auf Hirntod besteht, die lebenserhaltende Behandlung fortzuführen, ist die potenzielle Organspende. Für die Weiterbehandlung wird aber eine Zustimmung benötigt. Deshalb sollten die Angehörigen so schnell wie möglich erfahren, dass ein Überleben nicht mehr möglich ist und dass die einzige Rechtfertigung für eine Weiterbehandlung die Organentnahme ist. Viele Angehörige bilden sich schnell eine Meinung oder sprechen von sich aus das Thema Organspende an. Wenn sie aber in diesem Stadium klare Hinweise gegen die Organspende geben, so werden die dann sinnlos gewordenen lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt.

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Was passiert, wenn in einer Patienten- verfügung steht, dass im Falle der Aussichtslosigkeit die intensivmedizinische Behandlung eingestellt werden soll und der Patient einen Organspendeausweis hat?

Dann ist die Organspende ausgeschlossen. Die Patientenverfügung gilt zu Lebzeiten des Patienten – und somit zeitlich vor einem Organspendeausweis. Dieser Inhalt gilt erst, wenn der Hirntod eingetreten ist. Eine gute Patientenverfügung regelt die Organspende deshalb ausdrücklich. Wenn man seine Organe spenden möchte, muss in der Patienten- verfügung stehen, dass man mit der Fortsetzung der Intensivbehandlung einverstanden ist - mit dem einzigen Ziel, seine Organe zu spenden.

Wann tritt das Klinische Ethik-Komitee beim Thema Organspende auf MHH-Stationen in Erscheinung?

Etwa dann, wenn bei einem Hirntoten kein Organspendeausweis vorliegt und die Ärzte sich unsicher sind, wen sie in Bezug auf eine mögliche Organspende fragen müssen. Denn das Transplantationsgesetz regelt zwar klar, in welcher Reihenfolge die Angehörigen über die Organspende bestimmen dürfen. Aber da gibt es die Regelung, dass der nächste Angehörige nur dann zu einer Entscheidung befugt ist, wenn er in den letzten zwei Jahren persönlichen Kontakt zu dem potenziellen Spender hatte. Wir hatten schon den Fall, dass es sich bei diesem Kontakt um eine Erbstreitigkeit gehandelt hatte. Andere nahe stehende Personen können ebenfalls befragt werden, treten aber laut Gesetz nur „neben“ den nächsten Angehörigen. In diesen

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schwierigen Gesprächssituationen bietet das KEK Unterstützung an. Angehörigen hilft es manchmal, „neutrale“ Gesprächspartner vorzufinden.

Dein Organspendeausweis

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Vier Herzgeschichten

Organempfänger erzählen

9 Fragen zur Transplantation

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Was ist eine Transplantation?

Eine Transplantation (lat.transplare= verpflanzen, versetzen) ist die Verpflanzung von organischem Material zum Ersatz von geschädigten, funktionsuntüchtigen Organen. Ein Transplantat kann aus Zellen, Gewebe, Organen oder Organsystemen wie Finger oder Hand bestehen. Es wird nach der Herkunft (Spezies) und der Funktion des Transplantats, dem Zeitpunkt der Entnahme (Spende nach dem Hirntod oder Lebendspende) und dem Transplantationsort im Körper unterschieden. Die am meisten verpflanzten Organe sind Niere, Leber, Herz und Lunge. Häufiger als Organe wird Gewebe transplantiert. Dazu beispielsweise Augenhornhaut, Blutgefäße, Haut und Knochen.

Welche Rolle spielt die Deutsche Stiftung Organtransplantation?

Die DSO ist die nach dem Transplantationsgesetz beauftragte Koordinierungsstelle für die Organspende in Deutschland. Sie koordiniert den praktischen Ablauf von der Meldung eines potenziellen Spenders bis hin zur Übergabe der Organe an das Transplantationszentrum. Die DSO gehören die Beratung und Unterstützung der Krankenhäuser in allen Fragen der Organspende, die Entlastung des Krankenhauspersonals im Falle einer Spende, die Unterstützung und Begleitung der Angehörigen, die Öffentlichkeitsarbeit und die Förderung der Weiterentwicklung der Transplantationsmedizin.

Welche Aufgabe hat Eurotransplant?

Die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) in niederländischen Leiden ist verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in den ET-Mitgliedsländern. Das sind die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Österreich, Deutsche Stiftung Organtransplantation und Deutschland. In dem Einzugsgebiet leben etwa 125 Millionen Menschen. Bei Eurotransplant werden für jedes Organ gemeinsame Wartelisten geführt. Auf den Wartelisten der ET stehen gegenwärtig etwa 16.000 Patienten. Der große Patientenpool ermöglicht es, fast jedes Spenderorgan einem geeigneten Empfänger zuzuordnen. Pro Jahr werden durch Eurotransplant etwa 7.000 Spenderorgane erfolgreich vermittelt. In den ET-Mitgliedsländern gibt es insgesamt 72 Transplantationszentren.

Warum ist Deutschland ein Organ einführendes Land?

Weil in deutschen Transplantationszentren mehr Organe verpflanzt werden, als gewonnen werden können, werden aus den anderen Ländern des Eurotransplant-Raums Organe „eingeführt“. In Deutschland galt bisher die Zustimmungs- lösung, nach der ein Mensch zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt haben muss oder die Angehörigen nach dessen Hirntod einwilligen müssen. Im Gegensatz zu Deutschland gilt beispielsweise in Österreich und Belgien die Widerspruchsregelung. Danach dürfen Ärzte einem Verstorbenen Organe entnehmen, wenn er dem zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. In Ländern mit Widerspruchsregelung werden im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich mehr Organe gespendet als in Ländern mit der Zustimmungslösung.

Was regelt das Transplantationsgesetz?

Das deutsche Transplantationsgesetz regelt die Spende, Entnahme, Vermittlung und Übertragung von Organen, die nach dem Tod oder zu Lebzeiten gespendet werden. Es ist seit dem 1. Dezember 1997 in Kraft. Nach dem Gesetz sollen Missbrauch ausgeschlossen, Rechtssicherheit für Spender, Empfänger und alle an der Organentnahme Beteiligten geschaffen und für Transparenz und Chancengleichheit der Organempfänger gesorgt werden.

­Was wurde an dem Gesetz im vergangenen Sommer geändert?

2012 ist das Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes in Kraft getreten. Es soll dazu beitragen, einheitliche Standards für die Qualität und Sicherheit der Organtransplantation in Europa zu schaffen. Unter anderem konkretisiert das Gesetz die Rolle der Entnahmekrankenhäuser. Sie sollen zukünftig mindestens einen Transplantationsbeauftragten als Verbindungsglied zwischen Krankenhaus und DSO benennen. Ebenfalls neu ist das Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung. Zukünftig sollen die Menschen direkter informiert und konkret mit einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende konfrontiert werden. Einen Zwang zur Entscheidung gibt es jedoch weiterhin nicht, sie bleibt freiwillig.

­Wie kommt ein Patient auf die Warteliste?

Zur Aufnahme in die Warteliste meldet der behandelnde Arzt den Patienten mit den vollständigen Untersuchungsergebnissen an ein Transplantationszentrum. Ein Chirurg des Transplantationszentrums entscheidet zusätzlich über die Transplantationsfähigkeit. Steht einer Organverpflanzung nichts im Weg, wird eine Gewebetypisierung durchgeführt und der Patient bei Eurotransplant angemeldet. Nicht alle Patienten können in eine Warteliste aufgenommen werden. Sind die Risiken der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und die Erfolgsaussichten schlecht, wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Weitere Ausschlussgründe sind beispielsweise eine unheilbare Krebserkrankung oder eine HIV-Infektion. Ärzte sind verpflichtet, Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste zu dokumentieren und dem Patienten mitzuteilen.

­Welche Kriterien entscheiden über die Position auf der Warteliste?

Für jedes neue Spenderorgan erstellt Eurotransplant eine Rangliste. Die Grundlage dafür sind verschiedene Kriterien, die je nach Organ unterschiedlich gewichtet werden. Ein Aspekt für die Auswahl eines Empfängers ist die passende Blutgruppe. Bei Niere und Bauchspeicheldrüse spielt auch die Übereinstimmung von „Gewebeverträglichkeits- merkmalen“ eine große Rolle. Ein weiteres Kriterium ist die Dringlichkeit einer Transplantation. Bei der Lebertransplantation wird diese mithilfe des MELD-Scores, der den Schweregrad der Lebererkrankung angibt, eingeschätzt. Ein weiterer Aspekt ist die Wartezeit auf ein Organ. Hinzu kommt die Konservierungszeit (Zeitspanne zwischen Entnahme und der Transplantation) die z.B. bei einer Lunge möglichst kurz sein sollte.

­Welche Vergabeverfahren gibt es?

Beim Standardverfahren werden Organe nach medizinischen Gesichtspunkten patientengerichtet vermittelt. Dabei gibt es bezogen auf Niere, Herz, Lunge, Leber, Pankreas und Dünndarm differenzierte Richtlinien. Das modifizierte Vermittlungsverfahren wird angewendet, wenn Organe beispielsweise Funktionseinschränkungen haben oder von Spendern mit bestimmten Vorerkrankungen stammen. Hier wird von „schwer vermittelbaren Organen“ gesprochen. Gelingt eine Vermittlung nach den beiden Verfahren nicht, kann Eurotransplant das beschleunigte Vermittlungs- verfahren wählen, um den Verlust eines Spenderorgans zu vermeiden. Um die Zeit ohne Blutversorgung für das Organ möglichst gering zu halten, werden Organe dann primär einem Transplantationszentrum innerhalb einer Region angeboten.

Die Niere: Funktion, Symptom, Spende

Basiswissen von Prof. Dr. med. Lars Pape